Getöteter Säugling in Wiesloch: War der Vater schon vorher gewalttätig? (Update)
Von Alexander Albrecht
Wiesloch/Heidelberg. Gewalt hat offenbar die Beziehung der Eltern des in Wiesloch getöteten Säuglings geprägt. Wie ein Sprecher der Heidelberger Staatsanwaltschaft auf RNZ-Anfrage sagte, habe die Kindsmutter ihren Partner mehrfach angezeigt. In einem Fall warf sie ihm vor, ihr einen Zahn ausgeschlagen zu haben. Allerdings blieben die angeblichen Taten wie die Anzeigen für den 40-Jährigen ohne Folgen. Die Verfahren seien eingestellt worden, nachdem die Frau gegenüber der Polizei mehrfach behauptet habe, dass die Anschuldigungen nicht der Wahrheit entsprächen, erklärte der Behördensprecher.
Der Mann wird beschuldigt, den erst acht Monate alten Sohn in seiner Wohnung in Altwiesloch umgebracht zu haben. Er selbst informierte die Polizei am Morgen des 21. Mai, dass das Kind tot sei. Einen Tag später erging Haftbefehl gegen den 40-Jährigen wegen Verdachts des Totschlags. Der Junge sei nach "massiver Gewalt" gestorben, teilt die Staatsanwaltschaft mit, ohne Details zu nennen. Ob der Vater vorbestraft sei, lässt die Anklagebehörde ebenso offen.
Wie die RNZ aus Polizeikreisen erfuhr, hatte er aber ein Drogenproblem. Nach der Tat wurde ihm eine Blutprobe entnommen. Die Ermittler vermuteten, dass er unter dem Einfluss von Amphetaminen oder anderer Rauschmittel gestanden haben könnte. Obwohl das Ergebnis der Blutprobe mittlerweile vorliegen müsste, lässt die Staatsanwaltschaft dazu Fragen der RNZ bislang unbeantwortet.
Der Mann war nach den bisherigen Erkenntnissen zum Tatzeitpunkt mit dem Säugling allein in der Wohnung. Die Lebensgefährtin zog zuvor aus. Das Jugendamt des Rhein-Neckar-Kreises hatte sich eigenen Angaben zufolge von der Geburt an in die Betreuung des Jungen eingeschaltet, den Eltern eine Familienhebamme und eine sozialpädagogische Familienhilfe zur Seite gestellt. Der letzte persönliche Kontakt zum Vater datiert zwei Tage vor dem Tod des Säuglings.
Nach RNZ-Informationen hatte die Behörde das Kind zeitweise in Obhut genommen. Laut einem Medienbericht soll das Familiengericht dem Vater trotz aller Probleme das alleinige Sorgerecht zugesprochen haben. Der Rhein-Neckar-Kreis will bis zum Abschluss der Ermittlungen keine Stellungnahme mehr zu dem Fall abgeben. Wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft betonte, gebe es momentan keinen Anlass, gegen Mitarbeiter des Jugendamts zu ermitteln.
Update: Sonntag, 7. Juni 2020, 19.30 Uhr
Jugendamt im Fall des getöteten Säugling offenbar entlastet
Von Alexander Albrecht
Wiesloch. Die Familie des in Wiesloch getöteten Säuglings ist seit der Geburt des Kindes vor acht Monaten vom Jugendamt des Rhein-Neckar-Kreises betreut worden. Das teilte das Landratsamt am Dienstag auf RNZ-Anfrage mit. Besonders tragisch: Behördenvertreter standen zwei Tage vor dem Tod des Jungen noch in persönlichem Kontakt mit dem tatverdächtigen Kindsvater.
"Wir haben die Familie sowohl im Rahmen der ,Frühen Hilfen’ mit einer Familienhebamme als auch mit einer sozialpädagogischen Familienhilfe unterstützt", sagte die Sozialdezernentin des Landkreises, Stefanie Jansen, laut einer Mitteilung. Die speziell geschulten Familienhebammen begleiten werdende und junge Eltern, deren Lebenssituation von sozialen und gesundheitlichen Belastungen beeinträchtigt ist. Die sozialpädagogische Familienhilfe ist vorbeugend ausgerichtet, sofern das Kindeswohl noch nicht gefährdet ist.
Die große Frage ist nun: Hätte das Jugendamt die vom Vater ausgehende Gefahr für den Säugling früher erkennen und den Kleinen gegebenenfalls in seine Obhut nehmen müssen? Der Rhein-Neckar-Kreis macht dazu keine offiziellen Angaben. Landrat Stefan Dallinger hat aber am Dienstag zunächst die Fraktionsvorsitzenden im Kreistag und – im nicht-öffentlichen Teil der Sitzung – die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses über den Fall informiert.
Wie die RNZ aus Teilnehmerkreisen erfuhr, soll er dabei plausibel dargelegt haben, warum das Jugendamt davon ausgegangen sei, dass dem Jungen nichts Schlimmes zustoße. "Wir waren und sind immer noch erschüttert und schockiert über diese Tat. Unser tiefstes Mitgefühl gilt den Angehörigen", wird Dallinger in einer Stellungnahme des Landratsamts zitiert.
Wie es zu der Tragödie gekommen sei, werde die Staatsanwaltschaft ermitteln. Das Landratsamt kooperiere "vollumfänglich" mit der Kriminalpolizei. Solange noch keine gesicherten Erkenntnisse der Ermittler vorlägen, wolle man keine weiteren Auskünfte mehr erteilen, bat Kreissprecherin Silke Hartmann um Verständnis. Abgesehen davon habe die Behörde in dem Fall die datenschutzrechtlichen Vorgaben "zwingend zu beachten".
Die Staatsanwaltschaft Heidelberg entlastete das Jugendamt. "Derzeit besteht kein Anfangsverdacht einer strafbaren Handlung eines Mitarbeiters", sagte ihr Sprecher Jonathan Waldschmidt. Zumal es, wie er ergänzte, bislang keine Erkenntnisse darüber gebe, dass der beschuldigte Vater gegenüber seinem Sohn in der Vergangenheit gewalttätig geworden sei. Ob dies tatsächlich so war, werde Gegenstand weiterer Ermittlungen sein.
Waldschmidt beantwortete auch eine Reihe anderer Fragen der RNZ, die sich nach einer dürren Presseinformation am Montag aufgedrängt hatten. Wie berichtet, meldete sich der 40-jährige Vater am Freitagmorgen selbst bei der Polizei und erklärte, dass sein Kind tot sei. Als die Ordnungshüter und Rettungskräfte in der Wohnung des Beschuldigten im Stadtteil Altwiesloch eintrafen, entdeckten sie den Leichnam des Jungen.
Außer dem Vater hätte die Polizei niemand sonst angetroffen, so Waldschmidt. Es gebe auch keine Anhaltspunkte für die Beteiligung Dritter. Laut Waldschmidt lebten seit mehrere Wochen nur der Beschuldigte und das Kind in der Wohnung. Die Mutter des Babys hatte sich zuvor von ihrem Partner getrennt und war in eine andere Stadt gezogen, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft.
Wie die RNZ von Ermittlern erfuhr, hat er offenbar ein Drogenproblem. Ob und inwiefern Rauschgift- oder Alkoholeinfluss bei der Tat eine Rolle spielten, weiß die Staatsanwaltschaft aktuell nicht. Dem Vernehmen nach stehen die Ergebnisse einer Blutprobe noch aus. Ebenso unklar ist nach Angaben Waldschmidts die genaue Todesursache und der Todeszeitpunkt des Säuglings. Allerdings gehe die Staatsanwaltschaft davon aus, dass der Junge einer "massiven Gewalteinwirkung" durch den Beschuldigten ausgesetzt war. Das bestätigen auch die Rechtsmediziner.
Der Vater war in seiner Wohnung festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft beantragte Haftbefehl gegen den 40-Jährigen wegen des Verdachts des Totschlags, der schließlich einen Tag später durch einen Richter erlassen wurde. Unbeantwortet ließ die Staatsanwaltschaft die Frage, ob der Mann vorbestraft oder anderweitig mit dem Gesetz in Berührung gekommen ist. Über die Mutter ist nichts bekannt. "Dass die Familie aber sicher nicht intakt war, zeigt ja, dass das Jugendamt von Anfang an involviert war", sagt ein Kreistagsmitglied.
Nicht ausgeschlossen werden kann auch, dass die Tat mit den Folgen der Corona-Krise und Kontaktsperren zu tun hat. Wie ein Sprecher des Polizeipräsidiums Mannheim kürzlich auf Nachfrage der RNZ sagte, deute bislang nichts auf einen allgemeinen Anstieg der häuslichen Gewalt hin.
Das Bundesfamilienministerium, das nach eigenen Angaben derzeit keine gesicherten Daten zur Entwicklung der Gefährdungsmeldungen hat, vermutet, dass sich die Dunkelziffer in diesem Bereich vergrößert hat.
Update: Dienstag, 26. Mai 2020, 19.13 Uhr
Wiesloch. (dpa) Nach dem Tod eines Säuglings in Wiesloch steht der Vater des gestorbenen Jungen unter Verdacht. Gegen den 40-Jährigen sei Haftbefehl wegen Totschlags erlassen worden, teilte die Staatsanwaltschaft am Montag mit. Der Mann habe am vergangenen Freitagmorgen selbst die Polizei alarmiert und über den Tod des acht Monate alten Kindes informiert. "Da ein gewaltsamer Tod dem ersten Anschein nach nahelag, wurde dem 40-Jährigen die Festnahme erklärt", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Einen Tag darauf sei Haftbefehl erlassen worden.
Am Dienstag wurden weitere Details bekannt: Als die Polizei in der Wohnung eintraf, war der 40-jährige Vater allein dort. Damit gebe es keine Anhaltspunkte, dass andere beteiligt waren, teilen Staatsanwaltschaft und Polizei mit.
Der 40-Jährige und der Säugling hätten allein gelebt. Die Mutter hatte sich bereits mehrere Wochen vor der Tat von dem 40-Jährigen getrennt, war ausgezogen und lebt nun in einer anderen Stadt.
Über ein Motiv des 40-Jährigen sei noch nichts Näheres bekannt. Ebenfalls unklar sei auch, ob Drogen oder Alkohol bei der Tat eine Rolle gespielt haben.
Das zuständige Jugendamt sei seit der Geburt des Kindes involviert gewesen und habe den Beschuldigten unterstützt. Derzeit bestehe auch kein Anfangsverdacht einer strafbaren Handlung eines Mitarbeiters des Amtes. Bisher sei nicht bekannt, dass der 40-Jährige seinem Kind vorher schonmal Gewalt angetan habe. Das Jugendamt teilte am Dienstagnachmittag mit, dass die Familie seit der Geburt des Kindes vom Kreisjugendamt betreut wurde. "Wir haben die Familie sowohl im Rahmen der "Frühen Hilfen" mit einer Familienhebamme als auch mit einer sozialpädagogischen Familienhilfe unterstützt", so die Sozialdezernentin des Rhein-Neckar-Kreises, Stefanie Jansen. Familienhilfe und Familienhebamme standen noch am Mittwoch, 20. Mai 2020, in persönlichem Kontakt vor Ort mit dem Vater.
Die genaue Todesursache und der Todeszeitpunkt des Säuglings stehen noch nicht fest. Die Staatsanwaltschaft geht bisher nur davon aus, dass der Säugling "einer massiven Gewalteinwirkung" ausgesetzt war.
Update: Dienstag, 26. Mai 2020, 16 Uhr