Tanzschule Nuzinger: Das Land änderte erst die Bedingungen und macht nun eine Rolle rückwärts (Update)
Von Anica Edinger
Heidelberg. Zeitung machen in der Corona-Krise ist besonders schnelllebig. So kam es, dass eine Information von der Wochenende-Ausgabe schon jetzt wieder überholt ist. Es geht um die Tanzschule Nuzinger, die sich am Freitag noch ärgerte, dass in der neuen Corona-Verordnung "Sportstätten" des Landes pro Tanzpaar nicht mehr wie eigentlich vorgesehen zehn, sondern 25 Quadratmeter Platz zum Tanzen zur Verfügung gestellt werden müssen.
Der Schock bei vielen Tanzschulen im Land war groß. Einige befürchteten schon, wieder schließen zu müssen, nachdem sie erst am 2. Juni auf Grundlage der alten Verordnung geöffnet hatten. Tanzverbände, Unternehmer und auch Politiker hörten den Ruf der Tanzschulen schnell und setzten sich noch am gleichen Tag beim Land dafür ein, dass die Verordnung doch noch einmal geändert wird und die alten zehn Quadratmeter reaktiviert werden – mit Erfolg. Noch am Freitagabend, nach Redaktionsschluss, wurden die Bedingungen in der Verordnung noch einmal geändert.
Und nicht nur das: "Es ist jetzt auch das Tanzen mit einem festen Tanzpartner, der nicht aus dem eigenen Haushalt stammt, erlaubt", schreibt die Tanzschule Nuzinger auf Facebook. "Das bedeutet für uns, dass wir wieder Single- und Jugend-Tanzkurse anbieten können!" Nuzinger hatte ursprünglich geplant, teilweise ab heute, 8. Juni, wieder zu öffnen und entsprechend seine Mitglieder und Kunden informiert. Aufgrund des "Wechselbads der Gefühle", wie es die Tanzschule ausdrückt, und wegen der neuen Bedingungen, die das Land für die Öffnung formuliert hat, wird nun eine Woche später, am 15. Juni, geöffnet.
Update: Sonntag, 7. Juni 2020, 15 Uhr
Von Anica Edinger
Heidelberg. Endlich wieder tanzen: 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Tanzschule Nuzinger standen in den Startlöchern, Dienstpläne wurden geschrieben, Kursräume "coronasicher" gemacht, alle Kunden der Tanzschule wurden über die Wiedereröffnung nach der Corona-Zwangspause ab kommendem Montag, 8. Juni, per Brief oder E-Mail informiert.
Doch dann kam die neue Verordnung des Landes Baden-Württemberg über Sportstätten – und jetzt ist plötzlich alles anders. Nikola Lekic, Prokurist bei Nuzinger, erinnert sich: "Ich saß am Donnerstag in einer Dienstbesprechung, um 16 Uhr wurden unsere Kunden über die Wiedereröffnung informiert. Um 15.45 Uhr kam die neue Verordnung." Sein Handy habe sturmgeklingelt. Keiner habe damit gerechnet – "für uns kam das völlig überraschend", sagt Lekic.
Die Krux: In der letzten "Corona-Verordnung Sportstätten" des Landes, die Ende Mai verkündet wurde und erst am letzten Dienstag, dem 2. Juni, in Kraft tat, waren die Regeln für Tanzschulen noch ganz andere. Nicht "raumgreifende Tänze", wie es darin hieß, wurden erlaubt, wenn den Tanzpaaren mindestens zehn Quadratmeter Platz eingeräumt werde. Mit dieser Quadratmeter-Zahl plante Nuzinger also. Rumba, Discofox und Chachacha hätte man etwa wieder tanzen können.
Doch am vergangenen Donnerstag, nur zwei Tage nach Inkrafttreten der eigentlichen Verordnung, kam eine neue – und die Regeln für Tanzschulen im Land wurden komplett neu geschrieben, ohne Vorwarnung aus Stuttgart. Gültig ist sie ab Samstag, 6. Juni. Jetzt sind es nicht mehr zehn, sondern 25 Quadratmeter pro Paar, "das zweieinhalbfache", sagt Lekic. In einem Raum mit 90 Quadratmetern bedeute das, dass drei Paare plus Tanzlehrer tanzen könnten. "Da kostet der Tanzlehrer mehr, als die drei Paare jemals bezahlen könnten", erklärt Lekic. Nicht einmal im Ansatz wirtschaftlich könne man so eine Tanzschule am Laufen halten.
Dabei habe man auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter informiert, dass sie wieder arbeiten könnten. Für einige hätte es das Ende der Kurzarbeit sein können. Doch auch da musste Nuzinger jetzt kurzfristig zurückrudern. Lekic ist das unangenehm. "Wir haben auch eine Verantwortung", sagt er. Eine Kollegin in Walldorf habe auf Grundlage der letzten, jetzt veralteten Verordnung schon am 2. Juni wieder geöffnet – "sie muss jetzt wieder schließen", so Lekic. Zumal der Prokurist auch überhaupt nicht versteht, weshalb die Tanzschule zu den Sportstätten gezählt wird. "Unsere Paare schwitzen nie", erklärt er. Tanzen bei ihnen sei eine Freizeitbeschäftigung, es gehe um soziales Miteinander, um ein bisschen Bewegung – aber nicht um "Ausdauercardiotraining".
Dennoch heißt es für Nuzinger jetzt erst einmal: Abwarten. Denn wann ihre Tanzschulen in Heidelberg, Schriesheim und Neckargemünd wieder öffnen können, ist mit der neuen Corona-Verordnung wieder völlig offen. Mit dem Gewerbeamt der Stadt jedenfalls stehe er bereits im Kontakt, auch Hermino Katzenstein, Grünen-Landtagsabgeordneter in Stuttgart, habe sich bereits gemeldet.
Der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband (ADTV) setze sich für bessere Bedingungen für die Tanzschulen ein. "Wir hoffen, dass noch irgendetwas machbar ist", sagt Lekic. Schließlich wolle man den Kunden auch endlich wieder Tanz bieten – und zwar live, nicht mehr im Internet. Viele hätten auch weiterhin ihre Beiträge bezahlt, "das war eine große Stütze", sagt Lekic. Man könne sich gerade noch so über Wasser halten. Dennoch sei eine baldige Öffnung unbedingt notwendig – nicht nur für Nuzinger, sondern für viele andere Tanzschulen auch. Denn Lekic weiß auch: "Viele sind wirklich am Ende."