Musikszene: Auch in Edingen-Neckarhausen wird gesaxt
Von Stephan Kraus-Vierling
Edingen-Neckarhausen. Eigentlich wollte der Belgier Adolphe Sax 1840 die Klarinette optimieren – heraus aber kam ein wunderbares neues Blasinstrument, das er 1846 zum Patent anmeldete und nach sich selbst benannte: „Le Saxophone“. Dessen Kraft, der Reiz der Klangfarben und die Fülle der menschlichen Stimme besonders nahe kommenden Ausdrucksmöglichkeiten haben dem Saxofon eine enorme Popularität beschert, allem voran im Jazz, aber auch in Rock, Blues und Pop. Auch in der Musikszene Edingen-Neckarhausens ist das „Instrument des Jahres 2019“ mindestens seit den 50er Jahren präsent.
Bekannt war das Saxofon aber auch hierzulande lange zuvor, besonders als Klang-Bereicherung für Militärkapellen und Orchester. Dafür hatte Adolphe Sax sein Holzblasinstrument – so klassifiziert nach dem einfachen Rohrblatt zur Tonerzeugung – überhaupt erst konzipiert.
Mit dem New Orleans-Jazz Ende der 1920er Jahre jedoch begann der eigentliche Siegeszug von „Saxy Sax“, wie es wegen seiner hauchzarten Verführ-Sounds gern umschmeichelt wird. Prompt versuchten die Nationalsozialisten, mit dem Jazz insgesamt auch dessen so expressives Melodie-Instrument als „entartet“ zu verbieten. Was jedoch nie ganz gelang. Und um so dominanter wurden bald nach Kriegsende die „Saxer-Sektionen“ in der Unterhaltungsmusik. Deren mehrstimmiger Satz war aus den Arrangements der Tanzkapellen, Bigbands oder Rundfunkorchester nicht mehr wegzudenken.
Dabei setzten sich vor allem die beiden mittleren der insgesamt acht Saxofon-Größen durch: Das kleinere und hellere „Alt“, in „Es“ gestimmt, und das tiefere „B“-Tenor mit dem elegant geschwungenen „Schwanenhals“.
In Edingen hatte Willi Reinle Anfang der 50er-Jahre in seiner Tanzband Carmen und später in der Reinle Combo stets einen oder gar zwei Sax-Kollegen zur Seite. Ein Neckarhäuser Könner war und ist Herbert Autz, der frühere Vorsitzende der Musikvereinigung 1923. Autz, heute im Orchester gerne am tiefen „Bariton“-Sax, engagierte sich zudem lange als Vereins-Instrumentallehrer für den Nachwuchs und war tanzmusikalisch aktiv. Heute hat die MVN mit Werner Simon wiederum einen passionierten „Tenoristen“ zum Vorstand. Und dank der Schul-Bläserklassen und des Jugendorchesters Windstärke 08 gibt es auch wieder Nachwuchsmusiker quer durchs „gepustete“ Instrumentenspektrum.
In Edingen setzte sich viele Jahre Wolfgang Gött mit seiner privaten Musikschule GöWo für den Sax-Nachwuchs ein. Der 2018 verstorbene Gründer des Folk Family Chors spielte in seiner Bigband zuletzt ebenfalls mit Vorliebe das große „Bariton“ mit dem zwecks Handlichkeit „aufgewickelten“ Hals. Aber auch der zweithellste Sax-Typ, das „Sopran“, meist mit geradem Korpus, ist in der Doppelgemeinde zu hören: Tilmann Engelhard, ein erfahrener, vielseitiger Jazz-Saxofonist, begleitet damit gerne den Friday Upstairs Chor, oder auch seine Gattin Angelika, Neckarhausens Grundschulrektorin, bei Märchen und anderen Lesungen.
„Jazz geht’s los!“ heißt es immer auch, wenn Engelhardts Edinger Sax-Kollege Markus Metz sein erlesenes „Selmer MK VII“-Tenor zur Hand nimmt, oder sein fast schon historisches „Mark VI-Alt“, einst fürs französische Militär gebaut. Erste blasmusikalische Erfahrungen sammelte Metz im Evangelischen Posaunenchor auf der Trompete.
Mit deren Biss im Bläsersatz würzte Metz in den 1990ern auch den Blues der Heidelberger Lovegangsters. Doch hatte es ihm da schon der geschmeidige, „coole“ Sound des Saxofons angetan; autodidaktisch lernte er dieses nach Feierabend zu spielen und zu beherrschen. Am Wochenende trat er oft mit Erich Hoffers Les Huits Chaussettes auf und bereicherte deren Jazz-Evergreens mit packenden Soli, mal gefühlvoll und einschmeichelnd, zur Attacke aber fauchend, brüllend und mit extra viel „Growling“, wie die Saxer die Technik des durch simultanes „Mitgrummeln“ angerauten Tons nennen.