Hirschberg: Überraschende Bücher entdecken
Von Nicoline Pilz
Hirschberg. „Ich finde die Weitsicht des Autors ganz erstaunlich für die damalige Zeit. Wie konnte er so etwas schreiben?“ Die neu in den Literaturkreis eingetretene Frau aus Leutershausen ist angesichts der 1932 erschienenen Dystopie „Schöne neue Welt“ des britischen Schriftstellers Aldous Huxley verblüfft. „Er hatte eine gebildete Familie, in diesem Kreis wurde viel diskutiert – das fehlt heute oft“, antwortet Brigitte Dahlmann.
Sie hat den Volkshochschulkurs 2015 übernommen und sucht für jedes Semester eine gemeinsame Überschrift für vier Werke, von denen jedes in vier Wochen gelesen und dann besprochen wird. „Bücher, die einen Berührungspunkt haben“, schildert Dahlmann.
In diesem Semester sind Dystopien an der Reihe und da darf der Klassiker von Huxley, der auf Platz fünf der 100 besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts rangiert, nicht fehlen. „Ich habe es früher tatsächlich mal auf Englisch gelesen. Aber vom Inhalt her weiß ich nicht mehr viel“, sagt eine andere Teilnehmerin. Tatsächlich ist das Werk in manchen Bundesländern abiturrelevante Lektüre im Fach Englisch. An diesem Nachmittag beim monatlichen Treffen, immer jeden ersten Dienstag im Monat in „Tines Café“, reden die Frauen darüber, wie weit sich Huxleys Vision einer entmenschlichten Gesellschaft durch wissenschaftlichen Fortschritt der Gegenwart angenähert hat.
Entgegen der These des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq, Huxley schildere keinen Albtraum, sondern angesichts genetischer Fortschritte, sexueller Freizügigkeit und organisierter Freizeitaktivitäten ein Paradies, neigt die Runde im Literaturkreis dem Vergleich mit staatsallmächtigen Systemen wie in China oder der ehemaligen DDR zu.
„Für mich war bei der Teilnahme hier ausschlaggebend, dass es einen bestimmten Fokus gibt, der verfolgt und über den dann diskutiert wird“, meint eine Neueinsteigerin. Das ermögliche die Betrachtung eines Werkes aus unterschiedlichen Perspektiven. „Das Schöne an diesem Kursus ist, dass ältere und moderne Literatur in guter Mischung präsentiert werden“, sagt eine weitere Frau.
In diesem Semester sind sie zu sechst, waren aber auch schon mehr als zehn. Einmal sei ein Mann dabei gewesen, doch dieser sei dann nicht mehr erschienen, erinnert sich Brigitte Dahlmann. Ein Literaturkreis fest in Frauenhand demnach. Für die Auswahl der Titel spielt das keine Rolle. Brigitte Dahlmann setzt die Themen oder greift Anregungen aus der Runde auf. „Wir beraten über die Bücher. Und wenn uns nichts mehr einfällt, dann ist Frau Dahlmann dran“, lacht eine andere Teilnehmerin. Und die Kursleiterin liefert zu den ausgewählten Werken umfassende Hintergrundinformationen auch zu den jeweiligen Autoren.
Wenn die Runde die drei weiteren Bücher „Der Schwarm“ von Frank Schätzing, Margarete Atwoods „Der Report der Magd“ und Megan Hunters „Vom Ende an“ durchgearbeitet hat, stehen im kommenden Semester die Jahre 1889 bis 1989 deutscher Geschichte mit Werken deutscher Schriftsteller an. „Wir machen aber häufig Ausflüge in die Literatur anderer Länder“, schildert die Kursleiterin. Und hat mit dem Titel „Die geheimen Leben der Frauen des Baba Segi“ ein Lesebeispiel parat, das sich die anderen Frauen sogleich notieren.
2014 erschienen, wirft Lola Shoneyin in ihrem Debüt-Roman einen mitreißenden Blick auf das hierzulande eher unbekannte Sujet der Polygamie im heutigen Nigeria. „Wir lesen privat ganz unterschiedlich. Und hier im Literaturkreis sind Bücher dabei, die hätte ich sonst nie gelesen. Das finde ich richtig gut“, sagt eine Teilnehmerin.