Kindervesperkirche Mannheim: Damit alle Kinder schwimmen lernen
Von Volker Endres
Mannheim. Nein, da sei keine Trauer und kein Bedauern mehr, betonte Dekan Ralph Hartmann vor dem Start der zwölften Mannheimer Kindervesperkirche. „Aber da ist zunehmend Wut“, meinte er mit Blick auf die Kinderarmut. Vom 2. bis 15. Dezember erhalten rund 1400 Kinder in der Jugendkirche im Stadtteil Waldhof ein warmes Mittagessen und ein Spiel- und Bastelangebot.
Das Kirchenschiff im Mannheimer Norden wird in den ersten beiden Adventswochen also viele spielende, lachende und vor allem glückliche Kinder beherbergen. Sie toben nach dem gemeinsamen Mittagessen an den Spieltischen, singen das Kindervesperkirchen-Lied, lauschen den Vorlesepaten der Stadtbücherei oder versuchen aus dem „Escape-Room“ des Mannheimer Spielmobils – eine Art Schnitzeljagd im geschlossenen Raum – zu entkommen.
Ein glücklicher Ort mit einem überaus ernsten Hintergrund. „Jedes fünfte Kind in Mannheim lebt unter der Armutsgrenze“, berichtet Hartmann. Es ist eine verborgene Armut. Eine Armut, in der Kinder hungrig zur Schule kommen und keine der Jahreszeit angemessene Kleidung besitzen. Und eine Armut, in der Eltern froh sind, wenn ihre Kinder nicht zu anderen Geburtstagen eingeladen werden, weil sie ansonsten ebenfalls einen Kindergeburtstag ausrichten müssten.
Die Kindervesperkirche ist ein Spagat. „Zum einen geht es uns darum, Kinderarmut sichtbar zu machen. Auf der anderen Seite wollen wir die Kinder schützen“, so Hartmann. Ein Spagat, der mit der Kindervesperkirche gelingt. Zwar sind es vornehmlich Kinder aus dem Mannheimer Norden, die dorthin kommen – allerdings jeweils im kompletten Klassenverband. Die Kinder bekommen in der Vesperkirche nicht nur eine Mahlzeit. Sie erleben außerdem Zuwendung und soziale Teilhabe.
Mittlerweile spanne sich ein komplettes Netzwerk der Unterstützung rund um die Kindervesperkirche, erklärte Hartmann. Er verwies dabei nicht nur auf das Benefizkonzert der Edinger-Chöre am 10. November im Capitol hin, sondern auch auf die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer und Unternehmen, die ihre Kräfte zum Wohl der jungen Besucher bündeln.
Allen voran der Verein „Adler helfen Menschen“, der sich von Anfang an engagiert. „Die Kindervesperkirche ist unser Baby, und das lassen wir nicht im Stich“, unterstrich Udo Scholz, Stimme der Mannheimer Adler in der SAP-Arena und Repräsentant des Vereins. Das Projekt sei eben eine Herzensangelegenheit. „Da ist auch die Höhe der finanziellen Unterstützung egal“, so Scholz.
Die verriet jedoch Projektleiterin Ruth Würfel: Zusammen mit dem Zeltlager im Sommer und dem „MittwochsTisch“ – dem ganzjährigen Mittagstisch in der Jugendkirche für betroffene Kinder – kommen die Organisatoren mit Essen, Spiel- und Bastelmaterial auf rund 50 000 Euro. Getragen wird das Projekt von „Adler helfen Menschen“ und vielen weiteren Spendern. „Das zeigt, dass die Bereitschaft da ist, sich diesem Thema zu widmen“, betonte Hartmann.
Doch eigentlich sei die Politik gefordert, so der Dekan. Mit der zwölften Auflage der weihnachtlichen Hilfsaktion verknüpft er deshalb auch einige Forderungen: „Die Förderung muss dort ankommen, wo die Kinder sind – also in den Kindertagesstätten und Schulen. Sie müssen besser ausgestattet werden.“ Außerdem müsse man den Familien in der Förderung mehr zutrauen und nicht nur Missbrauch von Fördergeldern und Sozialleistungen verhindern wollen.
Das Sozialsystem sei ins Schwimmen geraten, so Hartmann. Die Armut werde nun auch im Schwimmunterricht erkennbar. Deshalb unterstützt die Kindervesperkirche in diesem Jahr auch den Schwimmunterricht an den benachbarten Schulen. „Viele Eltern können sich den Eintritt ins Schwimmbad nicht leisten. Ihre Kinder können deshalb nicht schwimmen lernen“, erklärte Hartmann.