"Grüne Welle" für Blauröcke: In der neuen Schaltzentrale der Weinheimer Feuerwehr
Von Günther Grosch
Weinheim. So wichtig wie Blaulicht und Sirene ist bei Einsätzen für die Feuerwehr der Digitalfunk zur internen Kommunikation. Wo sich in anderen Bundesländern schon seit 2006 die Wende von Analog auf Digital auf dem Vormarsch befindet, hält sie nun auch beim bisherigen "Schlusslichtland" Baden-Württemberg Einzug. Weinheims Floriansjünger verfügen seit gut einer Woche über eine nach modernsten Gesichtspunkten ausgestattete Einsatzzentrale.
Gut 13 Jahre nach der letzten Modernisierung ihres Herzstücks macht die Freiwillige Feuerwehr Weinheim damit einmal mehr den Vorreiter im Ländle. "Weil die Kameraden aus Hessen und Rheinland-Pfalz schon seit Langem die Digitaltechnik anwenden, ist es für unsere Männer und Frauen bei ihren Einsätzen in Diensten der Überland-Hilfe wichtig, auf dem gleichen Level kommunizieren zu können wie ihre Kollegen", erklärt Kommandant Sven Lillig, warum die bisherige Situation unbefriedigend war. Auch die Werksfeuerwehr Weinheim wendet schon seit Längerem die moderne Technologie an.
Mehrere Wochen lang wurde die bisherige Einsatzzentrale im Lagezentrum an der Bensheimer Straße umgerüstet. Von hier aus werden durchschnittlich 800 Einsätze im Jahr begleitet und gefahren. Auch der angrenzende Stabsraum wurde ertüchtigt. Im vergangenen Jahr waren es 991 Alarmierungen. 160.000 Euro, verteilt auf zwei Jahre, lässt sich die Stadt den "Spaß" kosten, aus dem im Notfall schnell bitterer Ernst werden kann.
Nach der Fertigstellung der Lagezentrale Stadt steht als Nächstes die Ertüchtigung der übrigen Feuerwehr-Häuser in den Abteilungen Lützelsachsen/Hohensachen, Oberflockenbach, Sulzbach, Rippenweier und Ritschweier sowie die Umrüstung der 38 Feuerwehrfahrzeuge auf dem Plan. Dieses Vorhaben soll bis Mitte 2020 abgeschlossen sein, weist Abteilungskommandant Ralf Mittelbach auf die geplante Zeitschiene hin. Vom Land ist ein Zuschuss von knapp 25.000 Euro zugesichert.
Daneben gilt es, alle der rund 300 Aktiven in den Reihen der Weinheimer Einsatzkräfte in der neuen Technik zu schulen. Damit das Ganze auch ohne "Funklöcher" funktioniert, wurden durch das Land die notwendigen digitalen Funkmasten flächendeckend eingerichtet. Den Mittelpunkt bildet die für den Rhein-Neckar-Kreis zuständige Integrierte Leitstelle in Ladenburg, die gleichfalls bereits mit den digitalen Endgeräten ausgestattet ist.
Der Digitalfunk hat für die Feuerwehren, die Polizei und Hilfsorganisatoren wie das Rote Kreuz (DRK) und das Technische Hilfswerk (THW) entscheidende Vorteile, erläutert Feuerwehrmann David Kunerth. "Mit dem Digitalfunk nutzen alle Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) ein bundesweit einheitliches und flächendeckendes Netz."
In der Praxis bedeutet dies, dass die Bundespolizei in Frankfurt am Main ebenso mit der Bundespolizei in Potsdam oder Cuxhaven kommunizieren kann wie die Polizeistationen der Länder, Feuerwehren und Rettungsdienste untereinander. Mit Blick auf den Datenschutz steht dabei die zentrale Funkverschlüsslung im Vordergrund. Der sogenannte "Tetra-Standard" beinhaltet als Sicherheitsfunktion bereits eine Funkschnittstellenverschlüsselung. Diese schützt den Übertragungsabschnitt zwischen dem mobilen Endgerät auf der einen und der Basisstation auf der anderen Seite. Kunerth: "Sie gewährt aber keinen Schutz der Netzinfrastruktur dahinter."
Aus diesem Grund wird der Funkverkehr beim Digitalfunk BOS zusätzlich durch den Einsatz einer speziellen Software, der "Ende-zu-Ende-Verschlüsselung" abhörsicher verschlüsselt. Die Kommunikation ist auf diese Weise auf der gesamten Strecke verschlüsselt: vom sendenden Endgerät über das Netz bis hin zum Endgerät, das den Funkspruch empfängt. "Der Funkverkehr wird damit vor dem Abhören durch Unbefugte oder der Manipulation durch Dritte geschützt."
Für die Einsatzkräfte ist es zudem unabdingbar, dass ihre Funkrufe jederzeit und in gleichbleibender Qualität ankommen. Dank seiner spezifischen Netzarchitektur ist der Digitalfunk nicht nur hochverfügbar. Er gewährleistet auch auf technischem Gebiet unabhängig von den kommerziellen Mobilfunknetzen jederzeit eine verlässliche Kommunikation ausschließlich für die Einsatzkräfte.
Die Eigenständigkeit des BOS-Digitalfunknetzes stellt sicher, dass sich die Kräfte auch bei einem besonders hohen Gesprächsaufkommen verständigen können - etwa bei Großschadens- und Unwetterlagen oder im Verlauf von Massenveranstaltungen.
Ein erster Blick in den neuen Weinheimer Leit-Raum, der ein wenig an das Innere eines Science-Fiction-Raumschiffes erinnert, beeindruckt bereits rein äußerlich. Von hier aus erfolgt die komplette Einsatzleitung von der Notrufannahme über die Disposition der Einsatzmittel bis zur Führung der Rettungseinsätze zur Einsatzstelle über Funk. Zwei ergonomische und höhenverstellbare Arbeitsplätze passen sich an ihre jeweiligen Nutzer an.
Derzeit sind vier Feuerwehrangehörige für die Bedienung der Anlage ausgebildet. "Sowohl bei der Feuerwehr als auch beim Rettungsdienst zählt buchstäblich jede Sekunde", verdeutlicht Lillig. Vor allem die Anfangsphase der Einsätze lässt sich künftig erheblich beschleunigen. Je früher einem Herzinfarkt- oder Schlaganfall-Patienten geholfen wird, desto größer ist seine Chance auf weitgehende Genesung. "Und je schneller die Feuerwehr am Brandort eintrifft, desto eher werden Menschen aus verrauchten Bereichen oder verunglückten Wagen gerettet."
Über einen Touchbildschirm lassen sich je nach Einsatz-Stichwort die Beleuchtung der Fahrzeughalle, die Tore und die Absauganlagen steuern. Mit am Wichtigsten: "Auf den vier Bildschirmen pro Arbeitsplatz kann der wachhabende Zentralist mit Hilfe verschiedener Informationsfelder die Einsätze auf einen Blick erfassen und eintragen", erläutert Lillig die Funktionsweise der Tasten und blinkenden Lämpchen.
Unterstützung leisten ihm dabei unterschiedliche Programme. Eines davon zeigt den aktuellen Status derjenigen Fahrzeuge, die gerade unterwegs sind. Es dokumentiert und wertet gleichzeitig das Geschehen aus. "In gleicher Weise werden die Einsatzbildschirme von Fahrzeughalle und Foyer durch die Zentrale mit Daten ergänzt."
Dies wiederum sorgt dafür, dass die Einsatzkräfte bereits bei ihrer Ankunft im Feuerwehrzentrum in Sekundenschnelle Informationen erhalten - etwa über die Art und den Status des bevorstehenden Einsatzes sowie die angeforderten Fahrzeuge. Auf diese Weise können sie sich schon in den Umkleideräumen entsprechend ausrüsten: "Damit wird wertvolle Zeit gewonnen." Gleichfalls von großer Wichtigkeit: Durch die "Alarmsteuerung" können die Blauröcke einfacher erkennen, welche Löschzüge ausfahren und besetzt werden müssen.
Um schneller zu den Einsatzzielen in der Innen- oder in die Weststadt zu kommen, wurden in der Mannheimer Straße sogenannte "Fahrstraßen" programmiert, die von der Zentrale aus gesteuert werden. Dabei handelt es sich - vereinfacht ausgedrückt - um die Programmierung einer grünen Welle, die so lange anhält, dass sich schon vor Ankommen der Feuerwehr alle Rückstaus auflösen.
"Damit werden nach einer vorgegebenen Zeit alle Ampeln, die sich auf dem Weg zur Einsatzstelle befinden, auf Grün geschaltet", ergänzt Lillig. Effekt dabei: "Der in diesen Straßenabschnitten oft stockende Verkehr kann schneller abfließen und den Feuerwehrfahrzeugen Platz bei ihrer Einsatzfahrt machen."
In einer ersten Ausbaustufe sollen fünf "Fahrstraßen" eingerichtet werden - neben der Mannheimer Straße auch die "West-Tangente", die B 3 in Richtung Möbelhaus Roller, der Multring sowie die Birkenauer Talstraße. Mittelfristig geplant sind rund ein Dutzend derartiger "grüner Einsatz-Wellen". "Wenn man fragt, was für die Bürger in unserer Stadt sichere Dinge sind, auf die man sich zu jeder Tages- und Nachtzeit, 24 Stunden und 365 Tage im Jahr verlassen kann, dann kommt mit als Erstes immer die Antwort: Die Feuerwehr!" Dies werde auch künftig so bleiben, hatte Erster Bürgermeister Torsten Fetzner beim Besichtigungstermin das letzte Wort.