Kreative Arbeit im Tandem: "Freiraum"-Choreografien des Dance Theatre Heidelberg im Zwinger
Von Isabelle von Neumann-Cosel
Heidelberg. Neben dem Tanzen selbst gehört Choreografieren für Tänzer heutzutage beinahe zum guten Ton. Das selbstständige Erfinden von Bewegungsmaterial gehört sowieso zu den Standardanforderungen für den kreativen Prozess im zeitgenössischen Tanz. Dennoch ist die Arbeit als Choreograf(in) ein nicht zu unterschätzender Perspektivwechsel. Das Schwierigste ist dabei immer der Anfang: ein tragfähiges Thema, ein schlüssiges inhaltliches Konzept für die eigene Arbeit zu finden.
Iván Pérez, Leiter des Dance Theatre Heidelberg, hatte sein Ensemble zu choreografischer Arbeit herausgefordert. Dabei bot er eine originelle Lösung für die Themenfindung: Er organisierte literarische Anleihen beim Netzwerk der Unesco-Literaturstädte, zu dem auch Heidelberg gehört. Vier Tänzerinnen und vier Tänzer aus einem Ensemble schlüpften in die Rolle von ChoreografInnen und bekamen dafür ein literarisches Gegenüber, um im kreativen künstlerischen Tandem ein Thema zu finden und in einer Kurzchoreografie zu bearbeiten.
Ansonsten gab es ganz viel künstlerischen "Freiraum" - so der Titel des Tanzabends im Heidelberger Zwinger. Das Miteinander von Text und Tanz fand dabei vorwiegend im Konzept, nicht auf der Bühne statt - es gab keine Rezitation oder Text-Einblendungen. Für die Erkundung der thematischen Hintergründe blieben die Zuschauer auf das Programmheft angewiesen.
Wäre ein Preis für Originalität in der Umsetzung ausgelobt worden, hätte ihn Jacqueline Trapp für ihre atmosphärisch dichte Choreografie "Café Tripping and the Dinosaurier Bird" verdient. Sie hatte sich ein Stückchen konkrete Poesie über "difference in repetition" als Inspirationsquelle ausgesucht. Dafür ließ sie zwei ihrer Tänzer-Kollegen, im Urlaubsmodus lässig unter einer Ersatzpalme drapiert, die Spannweite von Wiederholung und Unterschied ausloten - mit konkreten Spielsteinchen und komplizierten, aber offensichtlich funktionierenden Spielregeln - schlau, witzig und ziemlich nah dran an der literarischen Vorlage.
Der Publikumspreis wäre dagegen wohl an Orla Mc Cathy gegangen, die ihren Kollegen Axier Iriarte mal Darsteller, mal sich selbst sein ließ ("Performing Me") - augenzwinkernder Flirt mit dem Publikum inbegriffen.
Mit klarer Konsequenz beantwortet Yi-Wie Lo in "Rules or Roots" die Frage nach der Freiheit des Individuums: als schmerzvollen Abnabelungsprozess. Ihre drei Tänzerinnen waren über einen langen Zeitraum wie siamesische Drillinge untrennbar miteinander verbunden; die Vereinzelung kostete spürbar große Anstrengung.
An Einfällen herrschte auch sonst kein Mangel: vom überdimensionierten Spinnennetz bis zur ferngesteuerten Minidrohne war auch für den Unterhaltungsfaktor gesorgt. Im eigenständigen choreografischen Zugriff gab es natürlich noch Luft nach oben. Das Teamwork von Literatur und Tanz hat jedenfalls hier seine erste Bewährungsprobe gemeistert.