Biografie eines Obdachlosen: Richard Brox erzählt eine Geschichte von ganz unten
Von Arndt Krödel
Heidelberg. Eines Morgens stehen Polizei und Gerichtsvollzieher vor der Tür der elterlichen Wohnung in Mannheim, begleitet von drei Möbelpackern. Richard Brox, damals 21 Jahre alt, nimmt wie durch einen Schleier wahr, was nun geschieht: Die Wohnung wird zwangsgeräumt, alle Wertgegenstände konfisziert. Als nach seinem Vater auch seine Mutter gestorben war, lebt er allein in der Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung - für einen Sozialhilfeempfänger wie ihn "nicht angemessen". Zwei Plastiktüten mit dem Allernötigsten darf er zusammenpacken, dann schiebt ihn der Gerichtsvollzieher "sanft" aus der nun leer geräumten Wohnung. Brox ist jetzt obdachlos.
Es ist eine Geschichte von ganz unten, die Richard Brox auf Einladung der Volkshochschule Heidelberg (VHS) im Rahmen der "Aktionswoche gegen Armut und Ausgrenzung 2018" erzählt. Der Vortragssaal ist fast voll, das Interesse an dem Mann, der als Deutschlands bekanntester Obdachloser gilt, groß. Seine Biografie "Kein Dach über dem Leben", für die der mit ihm befreundete Günter Wallraff ein Vorwort schrieb, hat es in die Bestsellerlisten geschafft, Brox selbst trat in diversen Talkshows auf.
Jetzt ist der 1964 Geborene in seiner kurpfälzischen Heimat zurück. Er liest das vollständige erste Kapitel seines Buchs, das bereits einen bestürzenden Ausschnitt aus seinem schwierigen Leben zeigt und viel Wut auf die beschämend schlechten Bedingungen herauslässt, unter denen Obdachlose hierzulande leben müssen.
Als Kind kommt Brox mehrfach in Kinderheime, erlebt traumatisierende Erziehungs- und Strafmaßnahmen und wird sexuell missbraucht. Bereits als 13-Jähriger konsumiert er Kokain und wird abhängig. Als er die Mannheimer Wohnung verliert, beginnt eine 30-jährige "Karriere" als Obdachloser, die ihn durch ganz Deutschland führt. Er übernachtet in stinkenden Notunterkünften oder auch in Telefonzellen, wenn er nichts anderes findet. "Ich überlebte mehr, als dass ich lebte", beschreibt er seinen Zustand. "Gewalt und Hass" brächen ständig in den Alltag von Obdachlosen ein, ob in den menschenunwürdigen Unterkünften oder auf der Straße.
Dabei hat er noch Glück - in Gestalt von einigen wenigen guten Menschen, die ihm vorübergehend eine Bleibe bieten oder ihn einfach unterstützen. Einen ursprünglich geplanten Selbstmord verwirft er und begibt sich stattdessen in eine psychiatrische Klinik, wo er erfolgreich einen Drogenentzug durchmacht.
Heute hat er sich mit dem Leben arrangiert, ist zwar noch immer ohne festen Wohnsitz, aber nimmt das Leben so hin, wie es ist: "Ich bin zufrieden", stellt er fest. Seine Wut auf die gesellschaftlichen Institutionen, die den Obdachlosen keine würdige Existenz ermöglichen, hat er deswegen nicht aufgegeben.
So erhebt er schwere Vorwürfe gegen die Stadt Mannheim, die nach seinen Erfahrungen viele Menschen in die Obdachlosigkeit getrieben habe. Immerhin: "Heidelberg ist da besser aufgestellt", sagt Brox in der Diskussion nach der Lesung. Er möchte etwas verändern, ist dafür, dass das Recht auf Arbeit und auf Wohnung für jeden Menschen in jeder deutschen Landesverfassung verbrieft wird. Was ihm besonders am Herzen liegt: die Errichtung eines Hospizes, in dem schwerkranke Obdachlose würdevoll sterben können. Alle Einnahmen aus dem Verkauf seines Buchs und aus Lesungen fließen in dieses Projekt.
Info: Richard Brox: "Kein Dach über dem Leben. Biografie eines Obdachlosen", Rowohlt Verlag, Reinbek 2018, 272 Seiten, 9,99 Euro.