Heidelberger Frühling: "Zum Abschied lassen wir’s richtig krachen"
Von Matthias Roth
Heidelberg. Solchen Enthusiasmus erlebt man bei Festivalmachern und Konzertveranstaltern selten: "Wir laden die so lange ein, bis der Saal ausverkauft ist, bis auch der Letzte verstanden hat, wie gut die sind." So Thorsten Schmidt, Intendant des Musikfestivals Heidelberger Frühling bei der Vorstellung des Programms 2019. Dabei ging es konkret um eine Veranstaltung mit dem Mandolinenspieler Avi Avital und dem Ensemble "The Knights", die gar nicht im Rahmen des eigentlichen Festivals stattfindet, sondern aus Termingründen schon am 13. Februar als Sonderkonzert in der Stadthalle. Barock und Zeitgenössisches bilden dabei unter Leitung von Eric Jacobsen das Vorprogramm zu Beethovens Achter Sinfonie und Arrangements traditioneller Musik des Mittleren Ostens.
Diese Zusammenstellung ist denn auch Programm für das 23. Festival selbst, das unter dem Motto steht: "Wie wollen wir leben?" Dieser Gedanke ist freilich weiter gefasst als der scheinbar direkte Bezug auf ein offenbar marodes Gebäude wie die Stadthalle, das im nächsten Herbst für mindestens zwei Jahre wegen Umbau- und Sanierungsarbeiten geschlossen wird.
Nicht alles passt inzwischen in den engen Zeitrahmen des "Frühlings". Das vorverlegte Streichquartettfest in der Alten PH findet schon traditionsgemäß im Januar statt, die Reihe "Kammermusik plus" in der Alten Aula bietet acht Konzerte übers Jahr verteilt in der Alten Aula. Das Kernprogramm des Festivals und seiner Rahmenprogramme füllt ein haptisch interessant gestaltetes Programmbuch von schlappen 188 Seiten. Man lasse es zum Abschied vom alten Gemäuer noch einmal "richtig krachen" so Schmidt: Die Münchner Philharmoniker mit der Sopranistin Anja Harteros unter Valery Gergiev werden im Abschlusskonzert am 14. April Mahler und Bruckner hören und die Stadthalle wohl beben lassen. Gergiev und Harteros sind erstmals in Heidelberg zu Gast. Aber auch schon im Eröffnungskonzert am 16. März ist mit David Zinman ein Dirigenten-Debüt in Heidelberg zu erleben: Er leitet die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen und den Solisten Maximilian Hornung.
In erster Linie ging es Thorsten Schmidt bei der Präsentation allerdings weniger um diese Eckpunkte des Programms. Das für ihn wichtigste, weil "bisher größte und aufwendigste Projekt, das der Heidelberger Frühling je realisierte" sei "Castor && Pollux", ein "multimediales Musiktheater für Ensemble, Videokunst und 4DSound" mit Musik von Jean-Philipp Rameau und Lukas Rehm auf Texte von Lisa Charlotte Friedrich (Regie und Konzept). Die Idee dieser Produktion, die im Frühlings-LAB des Jahres 2017 entstand, kreist um das Thema Unsterblichkeit und stellt die Frage, ob Künstliche Intelligenz dereinst den menschlichen Geist ersetzen wird. Acht Aufführungen in der leergeräumten Alten Aula werden angeboten, wobei die Video-Installation als Ausstellung ganztägig zu sehen sein soll. Lukas Rehm ist mit dem Karlsruher ZKM verbunden, Lisa Charlotte Friedrich arbeitete mit Heiner Goebbels zusammen: Das verspricht spannend zu werden.
Neben dem "Standpunkte"-Schwerpunkt und der Kammermusik Akademie, die der Pianist Igor Levit verantwortet, einem Themenkomplex zu Architektur und Musik, zu dem Daniel Libeskind erwartet wird, und der Lied Akademie mit dem Star-Bariton Thomas Hampson liegt erneut ein Fokus auf der Reihe Neuland.Lied: Hier geht es um die politische Kraft des Liedes, und neben Eisler-Werken stehen hier auch Schumann-Vertonungen von Heine-Texten auf dem Programm, die der Nazi-Poet Venatier im Sinne der NS-Machthaber umschrieb. Das Lied in der Hand von Demagogen: Ein Thema, das sicher kontroverse Diskussionen herausfordern wird.