RNZ-Forum im DAI: Der Dalai Lama, das Karma und 200 kleine Atombomben
Von Sebastian Riemer
Heidelberg. Wäre Franz Alt doch nur vor vier Wochen schon dabei gewesen. Als der Dalai Lama in der Stadthalle war, ging seine Botschaft etwas unter im Gespräch mit den Wissenschaftlern. Wie wohltuend wäre da ein Franz Alt gewesen, der die Gedanken des buddhistischen Oberhauptes auf den Punkt bringt - und sie mit viel Witz und einer erheblichen populistischen Begabung auf die Spitze treibt.
Die Zuhörer im vollen Hilde-Domin-Saal der Stadtbücherei erlebten am Donnerstagabend beim mit dem Deutsch-Amerikanischen Institut (DAI) veranstalteten RNZ-Forum einen energiegeladenen 80-Jährigen, der meist mehr in den Saal rief als zu sprechen. Und das, zum Glück, auf Deutsch. Denn DAI-Chef Jakob Kollhöfer blickte zur Begrüßung noch einmal auf den Morgen in der Stadthalle zurück: "Mein Eindruck war, dass manche einfach sein Englisch schlecht verstanden haben - und damit auch seine Botschaft."
Im Gespräch mit Chefredakteur Klaus Welzel wird Alt, der seit über 30 Jahren mit dem Dalai Lama befreundet ist, seinem Ruf als deutschsprachiger Chef-Exeget des Tibeters mehr als gerecht. "Der Dalai Lama sagt...", beginnt er viele seiner Sätze. Seit über 30 Jahren sind die beiden befreundet - und Alt ist nach wie vor sehr begeistert von seinem Freund. "Er ist der letzte Visionär", sagt Alt, der als engagierter Fernsehjournalist, Autor und Weltreisender in Sachen Ökologie viele bedeutende Persönlichkeiten getroffen hat.
"Ethik ist wichtiger als Religion", zitiert Alt den Dalai-Lama-Satz, der dem jüngsten Buch der beiden den Titel gab. Dann rückt er näher ans Mikrofon, wird laut: "Das ist doch eine Revolution! Er ist der erste Religionsführer, der das sagt." Der Dalai Lama stehe dafür, zu handeln, statt immer nur zu beten. Doch wie kam es zu dieser Erkenntnis, will Welzel wissen. Es sei am Tag des Pariser Attentats auf die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" gewesen, als der Dalai Lama "beinahe in eine Depression verfallen" sei. "Am Tag danach sagte er zu mir: Vielleicht wäre es besser, wenn es überhaupt keine Religionen gäbe." So sei es zu dem Buchtitel gekommen: "Der Dalai Lama will eine ,Ethik für alle’, denn er glaubt, dass man Mitgefühl lernen kann wie Fahrradfahren."
Und damit ist er laut Alt nicht weit von der urchristlichen Lehre weg: "Jesus von Nazareth hätte das sofort unterschrieben, dass Ethik wichtiger ist als Religion." Das Ex-CDU-Mitglied Alt - 1988 trat er aus der Partei aus - war einst ein bekennender Christ, heute "Jesuaner" (siehe Zitate links) -, und drischt gerne und heftig auf die Religionen ein. "Die müssen sich alle mal fragen, warum sie so häufig für Gewalt missbraucht werden!" Das Gerede von Liebe und Frieden, das seien doch nur Lippenbekenntnisse. Der Dalai Lama dagegen kenne nur eine Religion: "Ein guter Mensch zu sein." Und auch nur einen Sinn des Lebens: "Glücklich zu werden."
Franz Alt empfiehlt ganz dringend, auch im Westen dem Konzept des Karma - bisher eher in den östlichen Religionen verbreitet - mehr Bedeutung beizumessen. "Es ist ganz einfach: Du kriegst immer zurück, was Du gibst." Auch dazu fällt Alt natürlich sofort ein Jesus-Wort ein: "Was der Mensch sät, das wird er ernten!" Der Dalai Lama etwa erkläre sich die Leiden, welche die Tibeter nun durch China erlitten, mit der Unterdrückungsgeschichte im feudalen Tibet. Wer Schlechtes tut, muss selbst Schlechtes erleiden - Karma eben.
"Und das ist doch bei uns genauso", ruft Alt, der jetzt richtig in Fahrt kommt. "Es gibt niemanden, der nicht diesem Gesetz unterliegt." Wer Waffen in alle Welt liefere und Weltmeister im Auto fahren sei, bekomme dafür eben Kriegs- und Klimaflüchtlinge, das habe der Dalai Lama ihm so unter vier Augen auch in Darmstadt gesagt. Und Alt ruft: "Wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff kriegen, dürfen wir uns über Hunderte von Millionen Flüchtlingen nicht wundern."
Alt ist bei seinem Lieblingsthema angekommen: der Ökologie. Darum geht es auch im nächsten gemeinsamen Buch mit seinem tibetischen Freund. "Der Dalai Lama sieht in Dharamsala, wo er lebt, am Fuße des Himalaya jeden Tag die Eisschmelze." In Europa bekomme man gar nicht mit, was da vor sich gehe. "Über zwei Millionen Menschen hängen vom Wasser des Himalaya ab. Schon jetzt trennt Indien und Bangladesch eine hohe Mauer." Die Kriege der Zukunft würden um Wasser geführt. Und dann wird es skurril, als Alt sagt: "Die Chinesen planen, mit 200 kleinen Atombomben, einen Teil des Himalaya zu sprengen, um Flüsse nach Nordchina umzulenken." Auf Welzels Nachfrage ("Das scheint mir absurd.") wird Alt sehr eindringlich: "Ich sage Ihnen: Den Plan gibt es!"
Welzel spricht auch die Kritik an, die es immer wieder am Dalai Lama gibt, etwa, warum dieser den Selbstverbrennungen tibetischer Mönche nicht stärker Einhalt gebiete. Franz Alt zitiert den Dalai Lama: "Wer bin ich denn, dass ich Menschen, die aus tiefster Verzweiflung so etwas tun, Vorschriften machen könnte?" Und auch da ist Alt ganz einverstanden mit seinem Freund - und kann als "Jesuaner" noch einmal auftrumpfen: "Wir im Christentum bewundern schließlich einen Mann, der bewusst ans Kreuz ging."