Schuldirektoren im Südwesten: Lehrer, Hausmeister und Sekretär in einem
Von Axel Habermehl, RNZ Stuttgart
Stuttgart. Karl-Josef Strohm hat gerade besonders viel zu tun. Kurz vor den Ferien gibt es einiges zu organisieren. Er muss noch Bücher für das neue Schuljahr bestellen. Außerdem liegen auf dem Schreibtisch des Rektors alle 73 Zeugnisse zum Korrekturlesen, die an der Grundschule in Attenweiler heute ausgegeben werden. Ein paar Schritte weiter probt die Schulkapelle "Hänschen klein" für die Abschlussfeier.
Ach, die Feier. Nicht nur, dass der Rektor wieder einen Jahrgang Viertklässler aus dem übersichtlichen oberschwäbischen Dorf entlassen muss. Es gab auch einiges zu planen: Gottesdienst, Dekoration, das Programm. Er hat alle Einladungen geschrieben, verpackt, adressiert und verschickt. "Ich bin Lehrer, Hausmeister und Sekretärin in einer Person", sagt Strohm. Zigmal habe er beim Gemeinderat gefragt, ob er nicht an ein oder zwei Tagen die Woche eine Schreibkraft bekommen könne. Vergeblich.
Strohm, 63, ist ein Mann, dem die Warmherzigkeit aus den Augen blitzt und seit 22 Jahren hier Rektor. Für ihn sei es eine erfüllende und schöne Aufgabe, mit Kindern zu arbeiten, sagt er. Schulleiter sei ein facettenreicher Beruf, in dem man viel gestalten und bewegen könne.
Es ist aber ein Beruf mit Nachwuchsmangel. Baden-Württemberg fehlen Schulleiter, besonders an Grundschulen, von denen es immer noch viele kleine auf dem Land gibt. 147 unbesetzte Stellen waren es im Februar bei der letzten Stichprobe. Viele Lehrer scheuen die Verantwortung, den Verwaltungskram, den Kontakt mit dem Schulamt.
Das Problem ist bekannt. So schlug der Rechnungshof 2014 Alarm. Eine Befragung von 2300 Schulleitern hatte ergeben, dass viele neben den Verwaltungsaufgaben kaum Zeit für den Unterricht hätten. Der Rechnungshof schrieb: "Die Herausforderung besteht in der Balance zwischen pädagogischer Führung und Verwaltungsmanagement. Mehr als zwei Drittel sehen das als nicht gegeben an."
Das sehen auch Kultuspolitiker so. Seit Monaten arbeitet die Landesregierung an einem Konzept, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Im April hieß es, es werde demnächst vorgestellt. Die Grünen veröffentlichten bereits ein Positionspapier, das höhere Bezahlung und die Entlastung von Verwaltungsaufgaben vorsah. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sagte damals: "Wir sind in der Endabstimmung. Das Konzept steht weitgehend, auch finanziell."
Ähnliches hört man bis heute. Es gab Verzögerungen, sagt eine Sprecherin Eisenmanns. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) habe sich eingeschaltet. Nun sei der Plan fast fertig, den Sommer über werde es noch Gespräche geben, unter anderem mit Finanzministerin Edith Sitzmann (Grüne). Im Herbst solle die Sache ins Kabinett und für den nächsten Landeshaushalt beschlossen werden. Man wolle schon zum Schuljahr 2019/2020 erste Neuerungen einführen.
Dazu zählt eine Besoldungssteigerung für Leiter kleiner Grundschulen: von A12 plus Zulage auf A13. Das bekommen heute nur Rektoren von Schulen mit über 80 Kindern. An kleineren Schulen, wo der Mangel sehr groß ist, kriegen Rektoren heute nur 167 Euro mehr als die übrigen Lehrer - kein üppiger Anreiz. Umstritten ist, ob man die Grenze bei 60 (Grüne) oder 40 (CDU) Kindern zieht.
Ein Thema aber wird das Land nicht abräumen können. Rektoren klagen über viele statistische Abfragen des Ministeriums. "Da gibt es ständig neue", sagt Strohm. Die letzte, die er bearbeiten musste, betraf hitzefreie Tage. "Ich habe eine gewissen Routine", sagt Strohm. "Aber diese Verwaltungssachen sind nicht meine Herzensarbeit."
Sie werden aber eher noch zunehmen. Datengestütztes Bildungscontrolling ist ein großes Thema. Die Teilnahme an Leistungstests und statistische Abfragen gehörten nun einmal dazu, so Eisenmann. Entlastung brächte wohl eine einheitliche Schulverwaltungssoftware. Doch damit wird es vorerst nichts. Das vorgesehene Programm gilt als gescheitert.