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Arm | Die Keule der Egoisten

Sprechen über Ungleichheit? Das ist Sozialneid! Diese Argumentation zerschmettert dringend nötige Debatten

Wenn bei Anne Will die Lautstärke bedrohlich anschwillt und den Stammgästen die Argumente auszugehen drohen, zieht garantiert einer den ultimativen Joker: „Sie wollen hier doch jetzt keine Neiddebatte anzetteln ...?!“ Die Frage ist rein rhetorisch, wird oft unterstrichen mit Augenrollen oder angeekeltem Kräuseln der Mundwinkel, und verfehlt selten ihren Zweck: Politische Diskussionen über Ungleichheit oder Verteilungsgerechtigkeit landen prompt auf dem Niveau einer Schulhof-Pöbelei. Denn das N-Wort sticht immer. Selbst unter den sieben Todsünden ist Neid die mit Abstand unpopulärste. Und anders als Wollust, Faulheit oder Völlerei macht es auch nicht den geringsten Spaß, neidisch zu sein. „Als Neid bezeichnen wir das wütende Gefühl, dass eine andere Person etwas Begehrenswertes besitzt und sich daran erfreut – der neidische Impuls besteht darin, dieses Objekt der Begierde zu rauben oder zu zerstören“, schreibt die Psychoanalytikerin Melanie Klein in Neid und Dankbarkeit.

Es geht dabei nicht bloß um materielle Dinge, sondern auch um soziale Stellung oder bewunderte Fähigkeiten. Nicht Gier, sondern Unglück über das Glück des anderen, treibt den Neider an; sein Ziel ist nicht die Gleichheit des Habens, sondern die Egalität des Nichthabens. In einer Wettbewerbsgesellschaft, in der nicht mehr allein Leistung und Können über Erfolg und Misserfolg entscheiden, sondern ebenso sehr Chuzpe und kulturelles Kapital, gelten Neider als hässliche, uncoole Verlierer-Typen. Auch deshalb taugt Neid perfekt zum politischen Kampfbegriff: Schließlich möchte niemand ein missgünstiger Loser sein.

Huths „hässliche Fratze“

Peter Huth, Chefredakteur der Welt am Sonntag, hämmerte gerade erst in diese Kerbe, mit einem durch und durch hetzerischen Kommentar: „Am 1. Mai zeigt Deutschland Jahr für Jahr eine hässliche Fratze, es ist der Feiertag des Sozialneids.“ Die Wut auf Wohlhabende verbinde die unterschiedlichsten Deutschen, selbst CDUler wollten Managergehälter deckeln, empört sich Huth und behauptet, Umverteilen sei ein deutscher Lieblingssport. Sein Fazit: „In einer Infrastruktur aus Neid entwickelt sich kein Wettbewerb der Besten um den ersten Platz.“

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob es für deutsche Arbeitnehmer ein motivierender Ansporn ist, wenn sie in der Zeitung lesen, dass der in den USA per Haftbefehl gesuchte Ex-VW-Chef Martin Winterkorn trotz allem weiterhin eine Rente von 3.100 Euro bezieht – pro Tag. Wohl eher stellt sich das Gefühl von Ungerechtigkeit ein, von Ungleichbehandlung – und eben auch Neid. Doch das Gefühl ist wesentlich komplexer als sein Ruf. Neid kennt viele Abstufungen und Nuancen, er ist ein lebenslanger Begleiter. Schon der Säugling ist neidisch auf die Brust der Mutter und was zwischen Geschwistern mitunter abläuft, berichtet bereits das Alte Testament. Zeit also, einmal gründlich über den Begriff nachzudenken, vor allem über die Frage: Hat Unzufriedenheit mit der Verteilungsordnung zwangsläufig etwas mit Neid zu tun?

Im Psychoanalytischen Salon des Hamburger Thalia Theaters suchten der Soziologe Sighard Neckel und der Psychoanalytiker Eckehard Pioch letzte Woche nach möglichen Antworten auf diese und andere Fragen zum Thema. Das Interesse war enorm. Menschen aller Generationen quetschten sich in das brütend heiße Café unterm Dach. Die meisten wirkten wie protestantisch-liberale Zeit-Leser; kontrovers diskutieren oder gar herumschreien, wie bei Anne Will, wollte keiner von ihnen.

Eckehard Pioch, Mitherausgeber des im letzten Jahr erschienenen Buchs Neid: Zwischen Sehnsucht und Zerstörung, eröffnete den Abend mit einem etwas platten didaktischen Witz. Es ging um kulturelle Unterschiede zwischen Amerikanern und Deutschen, mit denen der Berliner die beiden grundlegenden Varianten von Neid beschreiben wollte: Mal zeige er sich als Sehnsucht und Ansporn; mal als Häme und Destruktivität. Bei den Kämpfern des Islamischen Staats sei beides zu erkennen: Viele von ihnen waren früher nicht sehr gläubig, bewunderten insgeheim den Westen und versuchten dort Fuß zu fassen. Doch das Scheitern dieser Sehnsucht erlebten diese Männer als Kränkung und ungeheure Enttäuschung. Im Kampf gegen das Neid-Objekt leben sie ihren narzisstischen Wunsch nach Omnipotenz aus – als hasserfüllte Loser im Namen Allahs.

Im reichen Deutschland geht der Neid eher von Egoisten aus, die über den angeblichen Egoismus der anderen ausrasten. Ausgerechnet Flüchtlinge, die Hilfe benötigen und außer ein paar Habseligkeiten kaum etwas besitzen, gelten hierzulande als dreiste Eindringlinge, die den Einheimischen die Sozialleistungen wegnehmen. Laut einer Studie, die der Konfliktforscher Andreas Zick von der Universität Bielefeld 2016 durchgeführt hat, empfindet nahezu jeder fünfte Deutsche eine undifferenzierte Wut auf Einwanderer. Dabei sind es offenbar nicht allein finanzielle und materielle Zuwendungen, die den Neid schüren. Oft geht es auch um die Mobilität, Sprachenvielfalt und den Mut der Flüchtlinge, sich an einem anderen Ort ein neues Leben aufzubauen, während die deutsche Man-wird-ja-wohl-noch-mal-sagen-dürfen-Fraktion an ihrem Heimatort festsitzt und von guten alten Zeiten träumt. Pioch stellt deshalb die Frage in den Raum: „Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe und dann alles verliere?“ Im Neid erkennt der Psychoanalytiker die Wahrnehmung eines Mangels, der anerkannt oder bekämpft werden kann.

Sighard Neckel, der an der Universität Hamburg Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel unterrichtet, definiert die zwei Seiten des Neids, anders als sein Vorredner, als Ehrgeiz und Egalität. Ehrgeiz ist eher eine persönliche Angelegenheit, mit oft hässlichen Seiten. Die Egalität dagegen wurde schon im 16. Jahrhundert von dem englischen Philosophen Francis Bacon gepriesen: „Der öffentliche Neid gleicht nämlich jenem wohltätigen Ostrazismus, der große Männer, wann sie zu einer unmäßigen Höhe emporsteigen, in die gebührenden Schranken zurückweist. Daher ist auch er den Mächtigen ein Zaun, um sich nicht allzu sehr zu erheben.“ Ostrazismus, besser bekannt als Scherbengericht, diente im antiken Griechenland dazu, unliebsame oder allzu mächtige Bürger aus dem politischen Leben der Stadt zu verbannen. Ein solches Verfahren, sagt Neckel mit süffisantem Grinsen, hätte uns in jüngster Vergangenheit sicher einigen Ärger erspart. Der Soziologe erkennt deshalb auch keine Neiddebatte, wenn in der Öffentlichkeit über die Begrenzung hoher Einkommen, Leistungsgerechtigkeit und die Notwendigkeit einer stärkeren Regulierung der Finanzmärkte diskutiert wird. Neid sei die Psychologisierung und Personalisierung von Ungleichheit, behauptet Neckel. Versorgungssicherheit, etwa durch ein Bedingungsloses Grundeinkommen, könnte das Gefühl dämpfen.

Die Affen wissen Bescheid

Doch Neid hin oder her: dass Ungleichheit nur bis zu einem bestimmten Punkt akzeptiert wird, beweist ein Experiment, das der niederländische Zoologe Frans de Waal durchgeführt hat und auf das Sighard Neckel am Ende der Veranstaltung zu sprechen kommt: Zwei Affen werden auf unterschiedliche Weise dafür belohnt, dass sie dem Versuchsleiter einen Stein bringen. Der eine bekommt nur ein Stück Gurke, der andere erhält für die gleiche Leistung eine saftig-süße Banane. Eine eindeutige Ungerechtigkeit. Der Affe sieht das genauso. Das erste Stück Gurke isst er noch, doch schon mit dem zweiten bewirft er empört den Zoologen und schlägt wütend gegen die Wände seines Käfigs. Die viel beschworene Denkfigur des Homo oeconomicus, der, wie uns neoliberale Wirtschaftswissenschaftler gern versichern, stets rational handelt und auf seinen Vorteil achtet, hätte die Ungerechtigkeit akzeptiert und brav nach der Gurke gegriffen. Der Wissenschaftler Frans de Waal dagegen ist überzeugt, dass Affen und Menschen einen tiefen Gerechtigkeitssinn entwickelt haben, weil beide Gesellschaften nur mit kooperativem Verhalten überleben können. Fairness first!

Und was die Neiddebatten in Talkshows und Kommentaren angeht: Da sollte man vielleicht auch mal darüber nachdenken, den ein oder anderen Wortführer zu verdammen, gern auf zehn Jahre, so wie beim antiken Scherbengericht. Nicht aus Neid, sondern um sie in gebührende Schranken zu verweisen.

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