Neujahrsempfang der Weinheimer Volksbank: Der linke Cowboy Gysi ritt Parforce durch die Politik
Von Philipp Weber
Weinheim. Als Gregor Gysi ans Mikrofon tritt, müssen Jannik Becker (17) um Marvin Rick (16) schmunzeln. Die beiden Schüler des Werner-Heisenberg-Gymnasiums sehen am Mittwochabend von der Empore der Stadthalle aus, wie Gysi erst einmal den Mikro-Ständer hinunter biegt. "Der demütigende Akt kommt immer zuerst", kommentiert der Präsident der Europäischen Linken unter dem Gelächter des Publikums.
Doch Gysis Selbstironie reicht Jannik und Marvin nicht. Sie wollen Einschätzungen zur aktuellen politische Lage, zum Scheitern der Jamaika-Koalition und zum Gebaren von US-Präsident Donald Trump. Der Hauptredner des Neujahrsempfangs der Volksbank Weinheim wird sie nicht enttäuschen. Als Gysi nach der Einführung durch Voba-Chef Carsten Müller und der Ehrung herausragender Doktoranden durch Ex-ZEW-Chef Wolfgang Franz zur Rede ansetzt, ist die Halle voll.
Auch Hirschbergs Bürgermeister Manuel Just, der über eine OB-Kandidatur in Weinheim nachdenkt, sitzt im Publikum. WL-Kandidat Simon Pflästerer ist ebenfalls im Einsatz: Er hilft seinem Onkel, Stadthallenpächter Rolf Pflästerer. Dass der frühere SED-Politiker Gysi nach wie vor polarisiert, beweist die Anwesenheit dreier sportlicher BKA-Beamter. Sie sehen im Saal nach dem Rechten.
Auch die Weinheimer Polizei ist in Bereitschaft, verrät ein Banker. Auch die Eingangstüren sind nicht ganz so weit geöffnet wie sonst. Widerstände bleiben jedoch aus. Im Gegenteil: Die Rede des Linken-Genossen wird mehrfach vom Applaus der Voba-Genossen unterbrochen. Und das nicht nur, als Gysi ausführt, warum Volksbanken und Sparkassen zu Unrecht überreguliert würden. Vielmehr legt er einen Parforceritt durch Politik und Gesellschaft hin. Und irgendwie fällt ihm zu jedem Thema eine Anekdote oder ein Bonmot ein.
"Die SPD hat noch nie einen Weg gescheut, weil er ihr schadet - und sie wird auch diesen gehen", sagt er zur Großen Koalition, die sich in Berlin anbahnt. Das Scheitern der Jamaika-Verhandlungen habe ihn kaum überrascht. "Wenn Merkel eines nicht mag, ist es Unberechenbarkeit", sagt Gysi.
Gemeint ist FDP-Chef Christian Lindner. Dann gibt er Vollgas. Er geißelt das "sexuell-erotische Verhältnis" konservativer Politiker zur "schwarzen Null" in öffentlichen Haushalten: "Dabei bezahlt so etwas die Mitte; die Armen können es nicht - und die Reichen sind längst entlastet worden." Ziel seiner Angriffe ist auch die Agenda-Politik von Altkanzler Gerd Schröder: Der Gesellschaft drohe die "Entsolidarisierung".
Dann geht es ans Grundlegende: "Die soziale Frage ist zur Menschheitsfrage geworden. Wenn wir sie nicht lösen, uns mit Trump oder der AfD abschotten und Zeit kaufen, werden wir am Ende chaotische Zustände haben", prophezeit er - und fordert alle demokratischen Parteien dazu auf, sich Rechtspopulisten entgegenzustellen. Er warnt davor, das Thema Sicherheit auf Einwanderer zu reduzieren.
"Wenn sich die Polizei aus der Fläche zurückzieht, kein Personal auf Bahnsteigen zu finden ist und Krankenhäuser kaum Schutz vor Keimen bieten, entstehen auch Risiken." Europa, Digitalisierung, Klimawandel: Gysi nimmt sich viel vor - und muss doch zum heftig beklatschten Schluss kommen.
Auch Marvin und Jannik hat’s gefallen. "Ich fand gut, dass er Humor reingebracht hat", so Politik-Ass (Mitschüler-Angaben) Jannik: "Es hat mich beeindruckt, dass er bereit ist, über seinen Schatten zu springen." Der Linke Gysi hat dafür plädiert, Bismarckplätze eben Bismarckplätze sein zu lassen. Aber eine Clara-Zetkin-Straße müsse auch mal drin sein.