Mannheimer Vesperkirche: Der erste Zahn wurde schon gezogen
Von Volker Endres
Mannheim. Nahrung für Leib und Seele - das ist seit Samstag wieder die Mannheimer Vesperkirche. Über 500 Menschen erhalten täglich in der Citykirche Konkordien in R 2 viel mehr als eine warme Mahlzeit. Sie bekommen Zuneigung, Rat und vor allem: das Gefühl, Mensch zu sein. Auch die medizinische Betreuung gehört seit Jahren mit zum Angebot. Sie wurde in diesem Jahr erweitert: Der Zahnmediziner Bernhard Jäger gehört ab jetzt zum Ärzteteam. "Ich kann in der Kirche natürlich keine Untersuchungen vornehmen. Dafür stellt mir ein Kollege im Quadrat Q 5 ein Behandlungszimmer seiner Praxis zur Verfügung." Den ersten Zahn hat er dort bereits gezogen.
Menschen abgetragener Kleidung sind in der Vesperkirche zu Gast. In Taschen oder Plastiktüten tragen sie ihre gesamte Habe - zumindest den Teil, den sie nicht direkt am Körper tragen. Eine Arztpraxis haben viele schon lange nicht mehr von innen gesehen. Der fehlende Versicherungsschutz spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.
"Oft ist es auch Schamgefühl, sich in ein Wartezimmer zu anderen Menschen zu setzen", weiß Pfarrerin Ilka Sobottke. "Die Angst vor dem Arzt ist hier ausgeprägt", erklärt Allgemeinmediziner Johannes Hechler. Nachdem er im Jahr 2003 seine Praxis in der Innenstadt aufgegeben hatte, kam er über die Obdachlosensprechstunde der Stadt Mannheim mit der Vesperkirche in Kontakt.
Anfangs war der heute 76-Jährige zwei Mal pro Woche als Ansprechpartner vor Ort und unterstützte den Sanitätsdienst der Johanniter. Mittlerweile teilt er sich den Dienst mit weiteren pensionierten Kollegen, so ist an fünf Tagen der Woche ein Arzt anwesend. Ein mobiler Container dient als Behandlungsraum.
"Die Behandlungen haben sich seither nicht großartig geändert", so seine Beobachtung. "Es geht vor allem um Verbände und die Behandlung kleinerer Wunden." Gerade bei den Obdachlosen kommen Hautkrankheiten und Erkrankungen an den Füßen häufiger vor. Als Indikator für eine steigende Armut sieht er die seit Jahren steigende Zahl in der Essensausgabe aber nicht. "Es spricht sich einfach nur stärker herum. Hierher kommen die Gestrandeten."
Denen will auch Zahnarzt Bernd Jäger helfen. Andreas Kandefer, ein alter Freund, der mittlerweile bei den Johannitern eingesetzt wird, hatte den Friedrichsfelder zur Vesperkirche gebracht. "Ich bin in erster Linie Ansprechpartner", berichtet er über seine Erfahrung aus den ersten Tagen. Denn die Angst vor dem Arzt sei beim Zahnmediziner noch ein wenig stärker ausgeprägt. Trotzdem hilft er gerne.
"In diesem Jahr haben wir erstmals eine Friseurin, die an ihrem eigentlich freien Montag Termine an Obdachlose vergibt", erzählt Ilka Sobottke. Nicht der einzige Unterschied im Vergleich zu den Vorjahren: "Wir haben eine bessere Beleuchtung und mehr Platz. Mein Eindruck ist, dass die Menschen dadurch viel entspannter zu uns kommen." Das sieht auch Harald so.
Der heute 62-jährige trägt seine Habe bei sich und strahlt, als ihm eine der Helferinnen den Kuchen zum Nachtisch bringt. "Die Vesperkirche ist für mich ein Gottesgeschenk".
Info: Ein warmes Mittagessen gibt es bei der Vesperkirche täglich von 11 bis 14 Uhr. Bedürftige zahlen dafür einen Euro. Die Vesperkirche finanziert sich ausschließlich aus Spenden und zwei Benefizkonzerte.