Heidelberger Kabarettfestival "Carambolage": Vom Cappuccino-Belt und Walldorf-Trullas
Von Philipp Neumayr
Heidelberg. Er setzt sich erst einmal ans Klavier. "Ich habe keine Ahnung, ich habe keinen Plan, ich fang' einfach mal an." Macht nichts. Christian Ehring ist auch ohne jeglichen Plan jederzeit ein Pointenfeuerwerk zuzutrauen. Nicht umsonst ist der Karlstorbahnhof am Mittwochabend komplett voll. Zum Auftakt des 16. Kabarett- und Comedyfestivals "Carambolage" hatten die Veranstalter definitiv einen der derzeit bekanntesten Spaßmacher der Republik an Land gezogen.
Denn spätestens seit er es sich mit dem türkischen Präsidenten verscherzt hat, ist Ehring vielen Deutschen ein Begriff. Ja, Ehring. Nicht Böhmermann. Bereits bevor die sogenannte Staatsaffäre Böhmermann ins Rollen kam, waren es Ehring und sein Team der politischen Satiresendung "extra 3", die Recep Tayyip Erdogan auf die Palme gebracht hatten.
Der Grund: Eine nicht ganz spottfreie Ode an das Regierungsverständnis des türkischen Präsidenten und dessen Wahl zum "Mitarbeiter des Monats". Der ließ vor lauter Empörung umgehend den deutschen Botschafter einbestellen und forderte eine Stellungnahme der deutschen Regierung.
Vielleicht liegt es daran, dass man den Namen Erdogan in Ehrings aktuellem Bühnenprogramm "Keine weiteren Fragen" vergeblich sucht. Aber nur, weil der Kabarettist seine Späße fortan ohne den türkischen Präsidenten macht, hat er bei Weitem nicht an früherer Bisskraft verloren. Allein die Schusslinie hat sich etwas verschoben: Statt hochrangigen Politikern nimmt der gebürtige Duisburger nun vor allem die bundesrepublikanische Komfortzonengesellschaft aufs Korn.
Diejenigen, die sich ein Eigenheim im "Cappuccino-Belt" leisten ("wo die hippen Leute wohnen"). Die "Walldorf-Trullas" und "Kinder mit Dinkel-Hintergrund". Und die Glücksfetischisten, die immerfort nur auf der Suche nach dem persönlichen Wohl sind, deswegen Yoga machen, Smoothies mixen und die Grünen wählen.
Sich selbst nimmt Ehring von diesem Rundumschlag gegen das linksliberale Bildungsbürgertum nicht aus. Denn während der eigene Sohnemann - in der Pubertät zum konsolenabhängigen Couch-Potato mutiert - sein Freiwilliges Soziales Jahr im Slum in Buenos Aires ableisten soll, wünscht sich die Frau einen Flüchtling als Ersatz. Etwas, das bei ihrem Gatten zunächst alles andere als Zustimmung hervorruft: "Ich hab' mich gefragt: Ist das nicht auch irgendwie wahnsinnig 2015?" Außerdem, so befürchtet Ehring, könnte es ja sein, "dass die besten Flüchtlinge schon weg sind".
Ehring, mit Mitte 40, laut eigenem Empfinden in einer veritablen Midlife-Crisis, widmet sich derweil lieber neuen Hobbys, zum Beispiel veganer Kindermusik und Rückbildungsgymnastik. Mit Erfolg: "Meine Kursleiterin meinte: So was wie mich hättse ja überhaupt noch nicht gesehen."
Die Sehnsucht vieler Städter nach der Idylle des Landlebens, politische Heuchelei um die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann, Zeitoptimierertum oder das Phlegma der Generation Z: Ehring entlarvt die Wesensmerkmale der deutschen Wohlstandsgesellschaft gekonnt humorig und zugleich nachdenklich. Das Leben schreibe die besten Geschichten? Für Ehring bloßer "Bullshit". Denn die Menschheit, so der Kabarettist, sei viel zu doof zum Überleben. "Keine Pointe."